Einleitung

Erfahrungsberichte aus den Flexiblen Hilfen in der Covid-19 KriseMitarbeiterInnen aus den Flexiblen Hilfen berichten über ihren neuen Arbeitsalltag, über Unsicherheiten und Herausforderungen mit strengen Vorsichtsmaßnamen

Erfahrungsberichte aus den Flexiblen Hilfen in der Covid-19 Krise MitarbeiterInnen aus den Flexiblen Hilfen berichten über ihren neuen Arbeitsalltag, über Unsicherheiten und Herausforderungen mit strengen Vorsichtsmaßnamen

Bericht 1

Hausbesuch bei einer minderjährigen Mutter und ihrem 8 Monate alten Baby:

Ich komme mit Mund-Nasen-Schutz (MNS) und Handschuhen. Meine größte Sorge – wie wird das Baby reagieren?

Die Mutter und ich begrüßen und freuen uns über das Wiedersehen. Als mich das Baby sieht, schaut sie mich skeptisch an – ich glaube sie fängt bald zu weinen an. Ich schiebe den MNS kurz nach unten, damit sie mein Gesicht erkennen kann. Sie lächelt mich an und gibt mir mit kindlicher Gestik und Mimik zu verstehen, dass sie mit mir spielen möchte. Meine Sorge hat sich als unbegründet erwiesen – mein Tag ist gerettet.

Auch der jungen Mutter ist anzusehen, dass sie sich über meinen Besuch sehr freut. So lange war schon keine persönliche Betreuung möglich. Endlich wieder jemand da, mit dem sie reden kann, und vor allem, jemand der zuhört.

Erleichtert bin ich auch, dass die Kindesmutter beim gemeinsamen Einkauf – wir gehen zu Fuß – ohne Aufforderung meinerseits ihren MNS anlegt und auch auf sonstige Verhaltensregeln achtet.

2 1/2 Stunden vergehen im Nu. Auch für mich hat diese Betreuung wieder etwas Normalität in meinen Berufsalltag gebracht – endlich wieder so arbeiten, wie es meinem Arbeitsverständnis entspricht. Sehr glücklich bin ich wieder nach Hause gefahren.

 

Bericht 2

Mein Arbeitsalltag in Corona- Ausnahmezustand: Mo – Fr je 8:00 -12:00

 

  • Telefonate sowie schriftlicher Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, mit welchen ich eine Familie gemeinsam betreue
  • Telefonate sowie schriftlicher Austausch mit den zu betreuenden Familien
  • Wenn nötig, Kontaktaufnahme bzw. Austausch mit den zuständigen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern
  • Recherche zu diversen Themen: Corona-Neuigkeiten, Aktivitäten in diesem Ausnahmezustand, Gewaltprävention, Spiele die für Video-Telefonie geeignet sind, Kurzvideo-Inhalte-Vorbereitung, Spezielle Schwerpunkte für bestimmte Kinder (wie z.B. Berufsbilder und Ausbildungsmöglichkeiten)

 

Mo –Fr je 13:00-18:00: Erreichbarkeit für Notfälle, Informationen, Beratung und Entlastung

 

Bericht 3

„Corona“ – 16. März 2020 – Beginn einer neuen Zeitrechnung

Corona-Alltag

Persönliche Betreuungen gibt es für mich als Mitglied der sogenannten Risikogruppe gar nicht. Homeoffice lautet mein Auftrag. Trotzdem ist mein Arbeitsalltag sehr ereignisreich.

Die Handys werden überbeansprucht, die Köpfe rauchen, die Ohren brennen, und dennoch ermöglicht die digitale Welt Kontakte, Austausch und Betreuungen auch ohne persönliche Kontakte. Ein Hoch auf Handy und PC!

Heute, an einem Schultag, geht es schon in der Früh los. Zuerst die aktuellen Mails durchschauen sowie das Diensthandy nach Nachrichten und etwaigen versäumten Anrufen durchforsten. Oh, der Akku ist schon wieder niedrig, schnell anstecken, dann folgt der Rückruf einer Kollegin, die sich bezüglich der aktuellen Situation in einer betreuten Familie und eventueller Vorfälle erkundigt und mich über eine andere Familie durch Nachlesen der Doku auf den aktuellen Stand bringt.

Es erfolgt eine Kontaktaufnahme mit einer Kindesmutter zum vereinbarten Termin über das Handy. Eine telefonische Betreuung mit in erster Linie dem Ziel, Unterstützung und vor allem Motivation im Erledigen schulischer Aufgaben anzubieten und auszuführen. Doch zuerst ein Gespräch über die allgemeine Befindlichkeit der Minderjährigen, über das vergangene Wochenende, geplante Aktivitäten am Nachmittag, gemeinsame Erstellung einer Tagesstruktur mit zeitigem Aufstehen in der Früh (ähnlich wie an Schultagen), Lernzeit am Vormittag, Mittagessen, Bewegung bei Schönwetter im Garten der Familie, verschiedenen Freizeitaktivitäten mit Geschwistern … Direkt im Anschluss ein ausgiebiges Entlastungsgespräch mit der Mutter, deren Handy die Minderjährige benutzen durfte, da sie selbst noch keines ihr Eigen nennt.

Austausch mit Kollegin und anschließend mit der zuständigen Dipl. Sozialarbeiterin bzgl. der Verlängerung des aktuellen Hilfeplanes. Im Auftrag der Sozialarbeiterin folgt eine telefonische Besprechung des vorgefertigten Hilfeplanes mit der Kindesmutter und Besprechung sowie Erklärung der einzelnen Ziele. Vereinbarung eines Termins mit der Familie für das telefonische Hilfeplangespräch der Sozialarbeiterin mit der Familie. Abgleichung des Termins in beide Richtungen.

Aktuelle neue Telegrammnachrichten der TeamkollegInnen werden gelesen und Fragen beantwortet.

Ein Anleitungsvideo für eine Körperübung wird sogleich an mehrere Jugendliche weitergeleitet, ebenso wie eine Videoanleitung zum Falten einer Schutzmaske aus einem simplen Halstuch und der „Händewaschen Ohrwurm“ Song.

Eine Jugendliche ermutigen, ihre schulischen Aufgaben einzuteilen, die Fachkraft als Unterstützung direkt zu nutzen. Immer wieder erinnern an die Verhaltensregeln bei Covid 19, Kontakte zu Freunden über Handy oder Videotelefonie zu pflegen, zuhause zu bleiben. Auch die Eltern werden nach ihrer Befindlichkeit gefragt, nach der Tagesstruktur, sie werden (gerade jetzt vor Ostern) motiviert, zuhause zu bleiben. Nur ein Mitglied der Familie soll die Einkäufe erledigen, dabei die Schutzmaßnahmen befolgen, Hände waschen, Hände waschen.

Eine andere Jugendliche begleite ich in einer persönlichen Trauerphase in dieser schwierigen Zeit. Dazu gehört, Weinen zuzulassen, ja dies gutzuheißen, Gespräche über den Verstorbenen führen …

Trauer zulassen, Verständnis zeigen, aber auch einen Weg im Alltag zeigen, zu dem die Erinnerung an den Verstorbenen gehört, Rituale einer möglichen Trauerbewältigung vorschlagen. Den Blick der Trauernden auf positive Erinnerung an den Verstorbenen lenken.

 

Eine Jungmutter begleiten, Schwierigkeiten bei der Säuglingspflege besprechen, bestärken, Unterstützungsangebote anzunehmen ev. selbst anzufordern, Frühe Hilfen, alle Fachkraft nutzen, Termine beim Therapeuten annehmen und nutzen, den Blick auf bereits geschaffte Hürden richten, Entspannungsmöglichkeiten für Stress im Alltag erarbeiten. Wie kann die Jugendliche besonders auf ihr körperliches und seelisches Wohl achten? Ernährungsplan besprechen, Entspannungsmöglichkeiten durch Musik, Malen, Schreiben, Gymnastik, Atem- und Entspannungsübungen, mentale Übungen usw. besprechen, anleiten,…

Eine weitere Jugendliche muss dringend motiviert werden, ihre schulischen Aufträge noch bevor Beginn der Osterferien zu erledigen.

Versuch, eine Lehrerin zu erreichen; da dies nicht gelingt, setze ich mich mit der Direktorin in Verbindung, um über Unterstützungsmöglichkeiten für eine Jugendliche und ihre Familie zu sprechen. Im Anschluss daran, die Eltern sowie die Jugendliche über das Ergebnis des Gesprächs informieren und erneut an die Vorgaben in der Corona Krise erinnern. Einen Lernplan für die nächsten Tage mit der Jugendlichen erstellen, einige Aufgaben erledigen, als Belohnung ein Spiel spielen. Bei der Verabschiedung für diesen Tag mehrere Aktivitäten vorschlagen.

Es folgt die schriftliche Dokumentation der Termine und eine kurze Vorbereitung auf die Termine der kommenden Tage mit einer Recherche bzgl. Rezepte für Ostern, Konzentrationsübungen.

Eine Familie konnte telefonisch nicht erreicht werden, daher wird eine schriftliche Nachricht verschickt mit der Frage, ob alles in Ordnung sei, und einer erneuten Terminvergabe am folgenden Tag.

Gedanken einer Betreuerin:

  • Trotz eines arbeitsreichen Tages fühle ich mich leer – was fehlt?
  • Keine Fahrt ins Büro – Corona
  • Kein persönlicher Austausch mit Kollegen – Corona
  • Kein Jausenkauf unterwegs, keine gemeinsame Jausenpause mit KollegInnen, kein gemeinsames Mittagessen – Corona
  • Keine persönlichen Kontakte bei Betreuungen – Corona
  • Keine Aktivitäten unter Menschen, keine Begleitung zu Arztterminen, keine gemeinsamen Einkäufe (z.B. von Körperpflegeprodukten, Schulbedarf o.ä.) mit Jugendlichen, keine Pause bei einem Spaziergang im Grünen im Park unter Menschen – Corona
  • Immer die gleichen 4 Wände im eigenen Zimmer, eilig zu einem Büro umfunktioniert – Corona
  • Corona hat die Macht über allem, beherrscht den Alltag, hält uns gefangen
  • Corona macht mich zum Mitglied der „Risikogruppe“
  • Corona lässt mich zulassen, dass KollegInnen für mich persönliche Betreuungstermine übernehmen und sich damit in Gefahr begeben, sich anzustecken

Corona soll und darf diese Macht nicht behalten, daher heißt es durchhalten, auch, wenn das bedeutet, betreute Familie zu motivieren zuhause zu bleiben und (im Grunde gegenteilig zu der ersten Aufgabe als Betreuerin, zu Sozialkontakten zu begleiten), die Eltern anleiten und in ihrer Erziehungskompetenz stärken, die Kinder und Jugendlichen motivieren und darin unterstützen, ihre schulischen Aufgaben möglichst fristgerecht zu erledigen, Beschäftigungsangebote vorzuschlagen, Entlastungsgespräche zu führen, Mut zusprechen,…

Wie lange noch?

 

Bericht 4:

In den Zeiten des Corona Virus hat sich unser Leben, unser Tagesrhythmus schlagartig verändert.

Soziale Kontakte außerhalb der engen Familie im gleichen Haushalt sind nicht möglich. Diese Situation ist ungewohnt und stellt uns alle vor Herausforderungen.

Auch in der Arbeit hat sich vieles verändert. In der Flexiblen Hilfe gilt es, persönliche Kontakte zu meiden. Nur wenn eine Kindeswohlgefährdung vorliegt – und auch dann erst in Absprache mit der/m zuständigen Sozialarbeiterin/s und der ARGE (Arbeitsgemeinschaft) – darf man als BetreuerIn in die Familie gehen – so meine Interpretation der Regel.

Es gibt einige Sachen, die unklar sind. Arbeitsaufzeichnungen zum Beispiel gehörten auch dazu. Hauptsächlich erledigen wir unsere Arbeit durch Telefongespräche, Videokonferenzen, durch SMS, durch soziale Medien. Wir tauschen uns telefonisch mit KollegInnen aus, bilden uns weiter, recherchieren Fachbücher.

Man soll nicht denken, dass die Arbeit dadurch einfacher wurde, ganz im Gegenteil. Man kann kaum Freizeit von der Arbeit trennen, weil wir das in unseren privaten vier Wänden nicht gewohnt sind. Die meisten Mitarbeiter haben zu Hause eigene Kinder, die sie nebenbei versorgen und oft auch unterrichten müssen. Kurz und gut: Entspannung sieht anders aus. Man ist automatisch länger am Telefon erreichbar als in der normalen Arbeitswelt. Die MitarbeiterInnen merken es vielleicht gar nicht, dass sie arbeiten, weil sie inzwischen auch mit den Sachen zu Hause beschäftigt sind.

Trotz aller Herausforderungen findet man mit der Zeit wieder zurück zu sich, man findet den Weg, wie man sich der Situation anpasst. Während dieser Zeit schläft man manchmal schlechter, der normale Tagesablauf wird umgeschmissen, aber letztendlich finden wir zu uns und fangen an, wieder gesünder zu leben, Sport zu treiben, gesund zu kochen, Aktivitäten mit der eigenen Familie zu unternehmen, Gartenarbeit zu genießen, die Wohnung blitzblank zu putzen😊