LNW Lebenshilfe NetzWerk GmbH

Einleitung

Ein bedrohlicher Virus als „Helfer“ für Veränderung?Eine Geschichte von KundInnen & ProzessbegleiterIn Edith Hirzer - Wohnverbund Pegasus/Gnas

Ein bedrohlicher Virus als „Helfer“ für Veränderung? Eine Geschichte von KundInnen & ProzessbegleiterIn Edith Hirzer - Wohnverbund Pegasus/Gnas

1.) Vorgeschichte

Einkaufsto(rt)ur😉 für den Wohnverbund Pegasus/Gnas – KundInnen & ProzessbegleiterIn Edith Hirzer beim Einkaufen für den Wohnverbund:

Mir fällt beim Lesen der Einkaufslisten schon immer auf, dass je länger ich das mache, die KundInnen andere Lebensmittel kaufen. Anfangs waren es Lebensmittel, die man für eine schnelle Jause braucht. Aber nun nutzen sie scheinbar die Zeit und fangen wohl an, mehr und mehr zu backen und zu kochen. Jedenfalls denkt man das, wenn man die Liste von heute sieht, und das finde ich ganz wunderbar. Auch der Spar Markt in Gnas – Fürpass – ist immer so hilfsbereit und zuvorkommend, wenn ich mit meinen vielen Wagerln ankomme, und ich glaub, wenn das noch länger so weitergeht, brauche ich ein größeres Auto.😉😊

2.) Conclusio

Seit einigen Jahren arbeiten ich und meine KollegInnen in der KundInnen Prozessbegleitung daran, Veränderungsprozesse für unsere KundInnen in der LNW in Gang zu setzen. Kurz und einfach gesagt bedeutet das, wir bemühen uns gemeinsam mit den Kundinnen, ihren AssistentInnen, aber auch ihren Angehörigen und ihren FreundInnen darum, Wege und Unterstützungsmöglichkeiten zu finden, damit Menschen mit Behinderung sicher und gesund, vor allem aber noch eigenständiger, unabhängiger und selbstbestimmter in unserer Gesellschaft arbeiten und leben können. Das tun wir mit der Haltung des personenzentrierten Arbeitens, in der jeder Mensch unabhängig von seinem Hilfebedarf als Experte für sein eigenes Leben wahrgenommen und unterstützt wird. Jedes Thema und die Geschwindigkeit, mit der jeder einzelne Prozess voranschreitet, richten sich dabei nach dem Tempo und den Möglichkeiten wie auch den Wünschen und Zielen der jeweiligen Person.

Bevor die Coronakrise über uns alle und damit auch über die LNW hereinbrach, gingen sowohl die Arbeit als auch das Leben selbst seinen gewohnten Gang. Routinen, Gewohnheiten, manchmal großer Zeit- und Leistungsdruck, aber auch kleinere und größere Wünsche und Ziele des Lebens umzusetzen und erreichen zu wollen, waren unser aller Alltag.

Von einem Tag auf den anderen war dann alles anders. Für mich persönlich bedeutete das, nun im Homeoffice meine Berichte und Protokolle zu verfassen, viele Telefonate mit KundInnen zu führen und in dem einen oder anderen Gespräch auch Trost zu spenden und Hoffnung zu geben, denn die meisten unserer KundInnen mögen ihre Gewohnheiten und Routinen, ihre Arbeit und die Beschäftigung und ihre täglichen Kontakte und wollten diese nicht missen.

Darüber hinaus war es nun meine und die Verantwortung meiner KollegInnen aus der KundInnen Prozessbegleitung, die Einkäufe und Besorgungen für die Kundinnen, die weiterhin stationär bei uns in den unterschiedlichsten Wohneinrichtungen begleitet wurden, zu tätigen. Unsere KundInnen, aber auch alle MitarbeiterInnen der LNW, sollten möglichst geschützt und alles sollte getan werden, damit sie sicher und gesund blieben und das Virus sich nicht verbreitete.

In der ersten und zweiten „Coronawoche“, bekam ich durchschnittlich zwei Einkaufslisten zugesandt, auf denen Lebensmittel und Hygienebedarf aufgelistet waren. Die Einkäufe, die ich zu besorgen hatte, waren für drei „gestandene“ Männer, eine Frau und die jeweils diensthabenden AssistentInnen aus diesem Wohnbereich, für den ich eben zuständig war.

Bei den Lebensmitteln auf den Listen handelte es sich hauptsächlich um Lebensmittel für eine schnelle Jause, einen kleinen Snack zwischendurch und etwas Obst. Nichts, was ich ungewöhnlich fand. In der dritten Woche kamen schon andere Nahrungsmittel hinzu. Rindfleisch und Sellerie gemeinsam mit Suppenwürze ließen mich beim Einkaufen darauf schließen, dass da wohl wer Lust auf eine kräftige Suppe hatte. Ich sprach Herrn L. beim Entgegennehmen der Lebensmittel vor der Wohneinrichtung darauf an, und er meinte: „Ja, ich koche gern und tue das für mich und meinen Mitbewohner nun immer für zwei Tage frisch“. Er erzählte mir sogar, dass er ein Hühnerfrikassee – ich wusste gar nicht was das ist – zubereiten wird. Das Fleisch dazu hatte ich besorgt, und er nahm es mit Sicherheitsabstand entgegen.

Danach war ich eine Woche im Urlaub, und ein Kollege von mir übernahm diesen Dienst.

Zurück nach den Osterfeiertagen kamen die Einkaufslisten wieder bei mir an. Und sofort, schon beim Überfliegen, wurde mir klar, da hat sich etwas wirklich verändert. Ich fragte sogar beim diensthabenden Assistenten nach, und er meinte: „Ja, die Einkaufslisten sind gewachsen.“

Beim Befüllen der Wagerl im Kaufhaus wurde es mir mehr und mehr klar, jetzt ist wohl die Lust zum Kochen und Backen in der WG ausgebrochen. Mehl, Milch, Butter, Rosinen, Vanillezucker, Germ oder Paprikapulver und Kräuter der Provence ließen mich vermuten, dass es neben frischem Brot auch noch pikantes und würziges frisch Gekochtes gab. Ich war begeistert, und während meines 2-stündigen Einkaufes dachte ich darüber nach, ob dieser Virus wirklich mithalf, Gewohnheiten und Muster unserer KundInnen zu verändern? Es freute mich, denn das Thema Gesundheit, Ernährung und Bewegung ist in jedem Leben sehr präsent, so auch in dem unserer KundInnen. Viele bemühen sich, gesünder zu leben, sich mehr zu bewegen oder weniger zu essen, und dabei geht es den meisten wohl gleich. Stark begonnen und schnell zerronnen sind die guten Vorsätze. Das Durchhalten und die Disziplin verlieren sich irgendwo und irgendwie zwischen den Gewohnheiten, Routinen und Mustern des Lebens. Ziele, die sich unsere Kundinnen in diesen zutiefst persönlichen Bereichen für sich selbst setzen, sind nur sehr schwer zu erreichen, da niemand anderer wirklich dabei unterstützen kann. Veränderung bei Ernährungsgewohnheiten fangen nun einmal bei jedem einzelnen Menschen selbst an.

Beim Zustellen meines Einkaufes habe ich dann erneut nachgefragt, und Assistentin Frau P. hat mir gesagt: „Ja, Herr W. hat nun eine Brotbackmaschine, und es macht ihm große Freude sein Brot selbst zu backen. Außerdem waren wir heute schon Löwenzahn für einen Salat suchen, weil wir Zeit hatten“.

Und mir wurde klar, dass dieser Virus, so erschreckend und bedrohlich er auch ist, uns allen auch dabei helfen kann, daran zu glauben, dass Veränderung umsetzbar und möglich ist, wenn wir die Motivation, Kraft und Energie, die wir jetzt dafür aufbringen, mitnehmen in die Zeit nach Corona. Genau das wünsche ich unseren KundInnen, die jetzt gelernt haben, wie gut frisch gekochtes Essen und frisch gebackenes Brot schmecken, oder die vielleicht spüren, wie gut ein täglicher Spaziergang tut. Übrigens überleg ich mir jeden Tag, welche persönliche Veränderung wohl für mich in dieser Krise steckt – und ich habe auch schon was gefunden. Ich geh bestimmt nicht mehr so oft einkaufen. 😉

Edith Hirzer, KundInnen Prozessbegleiterin in der LNW Netzwerk GmbH