LNW Lebenshilfe NetzWerk GmbH

Einleitung

Auszug aus dem Leben im Wohnhaus Halbenrain in der Coronakrise„Mit Ruhe, Struktur und dem Gefühl von Geborgenheit lässt sich der Alltag gut meistern“.

Auszug aus dem Leben im Wohnhaus Halbenrain in der Coronakrise „Mit Ruhe, Struktur und dem Gefühl von Geborgenheit lässt sich der Alltag gut meistern“.

Wie hat sich unser Arbeitsalltag nach zwei Wochen Ausgangsbeschränkungen geändert?

Können die BewohnerInnen die Tragweite und Gefahren des Virus erfassen?

Kann man gleichzeitig Abstand halten und trotzdem Sicherheit vermitteln?

 

Ein Bericht aus dem Wohnhaus Halbenrain über den „Arbeitsalltag NEU“ in dieser außergewöhnlichen Situation.

 

Es war Freitag, der 13. März, als die österreichische Regierung Ausgangsbeschränkungen verkündete. Natürlich haben Sicherheit und Gesundheit auch für die LNW Lebenshilfe Netzwerk GmbH oberste Priorität, und so mussten wir uns auf einen „neuen“ Alltag einstellen. Da für zehn BewohnerInnen die Arbeit nun von den Werkstätten ins Wohnhaus Halbenrain verlegt wurde, arbeiten dort für die nächste Zeit MitarbeiterInnen aus verschiedenen Werkstätten und ein Zivildiener in der Tagesbegleitung, um die Zeit des „24-Stunden-zusammen-Seins“ so angenehm und abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. Der erste Tag war noch sehr chaotisch – die Unsicherheit war groß. Wie werden unsere KundInnen reagieren, wenn plötzlich neue AssistentInnen da sind? Werden sie verstehen, was da draußen gerade passiert, und ist es für sie überhaupt von Bedeutung? Wird es zu Aggressionen kommen, wenn jahrelange Gewohnheiten nicht mehr eingehalten werden können? Nach und nach legten wir uns für den Arbeitsalltag eine Struktur zurecht, und Gott sei Dank wurde sie von unseren KundInnen gut angenommen. Die gleichbleibende Routine vermittelt Stabilität und Sicherheit. Schnell kehrt Ruhe in den Alltag ein. Jeder hat morgens die Möglichkeit, aus einem Angebot aus Kochen, Filzen, Spazieren, Lernübungen am I-pad, Rechen- und Schreib-Einheiten, sowie Steckspiel-Übungen zu wählen. Auch Haushaltstätigkeiten wie das Sortieren der Wäsche werden erledigt. Am Nachmittag wird musiziert, man vertritt sich ein wenig die Beine oder lässt den Arbeitstag mit einem Gesellschaftsspiel ausklingen.

Schnell zeigte sich, wer im Team welche Stärken einbringt, und auf diese wurde aufgebaut. Die KundInnen zeigen zum Teil viel Begeisterung bei der Arbeit, gleichzeitig ermöglicht das Arbeiten „zu Hause“ im Wohnhaus, dass man sich nach dem Mittagessen auch ins Zimmer zurückziehen kann oder das Arbeitsangebot nicht in vollem Ausmaß annehmen muss.

Eine Herausforderung stellen die räumlichen Gegebenheiten dar – man kann einander schwer ausweichen. Aus diesem Grund wird in Kleingruppen gegessen, und auch die Lernübungen werden in verschiedenen Räumen durchgeführt. Dennoch schwingt viel Ungewissheit mit: Kommt noch eine viel größere Krise auf uns zu? Werden sie in den nächsten Wochen vielleicht nicht mehr akzeptieren, dass wir „nur kurz“ spazieren gehen ohne Zwischenstopp in einem Kaffeehaus?

Wann werden die KundInnen merken, dass da draußen gerade etwas sehr Beunruhigendes vor sich geht? Werden die Angebote weiterhin so gut angenommen, oder wird die Sehnsucht nach zu Hause irgendwann zu groß?

Dazu wurde eine Bewohnerin befragt, die über Medien wie Handy und Fernsehen stets gut über den Virus und seine Auswirkungen informiert ist. Sie erzählt: „Es ist schwierig, 24 Stunden zusammen zu sein. Es sind immer dieselben Leute hier. Ich vermisse die sozialen Kontakte in meiner Arbeitsstelle, der Postpartnerschaft Deutsch-Goritz. Da kommen immer verschiedene Leute rein. Mit meiner Familie kann ich jederzeit telefonieren, aber ich darf hier keinen Besuch empfangen. Das ist momentan aber auch ok, denn ich will mich nicht anstecken und ich will dass alle hier gesund bleiben. Mir ist es wichtig, dass jeden Tag meine Temperatur gemessen wird. So kann ich mich selbst gut kontrollieren. Ich habe schon Angst vor diesem Virus, und hier fühle ich mich sicher. Trotzdem freue ich mich, meinen Geburtstag im April mit meiner Familie nachzufeiern und für mich wichtige Orte zu besuchen. Ich freue mich auf draußen! Die Arbeit hier im Wohnhaus ist aber auch lustig. Ich bin gelernte Bürokauffrau und konnte hier viele Listen aktualisieren und die AssistentInnen durch Anlegen von neuen Formularen unterstützen.“ Ein anderer Bewohner freut sich auf Buschenschankjause und Kegeln, erzählt aber auch, dass er sich freut, immer etwas länger schlafen zu können und das Filzen für sich entdeckt zu haben.

Eine Herausforderung stellt das Nähe- und Distanz-Verhältnis dar. Einerseits sollte man sich an den von der Regierung vorgegebenen Abstand halten, andererseits ist der Kontakt zu den AssistentInnen die einzige soziale Beziehung, die noch bleibt. Wir desinfizieren uns selbstverständlich oft die Hände, leiten auch unsere KundInnen dazu an. Dennoch versuchen wir, das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln und weitestgehend „normal“ miteinander umzugehen.

Apothekengänge und die Lebensmittelversorgung funktionieren gut – sie werden von KollegInnen erledigt, die die bestellten Artikel vor unser Wohnhaus stellen. Auf diese Art setzen wir uns und unsere KundInnen keiner unnötigen Gefahr aus – schließlich zählen einige BewohnerInnen aufgrund verschiedener Diagnosen zur Risikogruppe.

Wir wünschen uns für die nächsten Wochen, dass das Team stabil bleibt und niemand ausfällt, Gewissheit wie es weitergeht, viel Gesundheit für alle und, dass sich weiterhin alle wohl fühlen. Und natürlich, dass Lachen und Lebensfreude uns weiterhin begleiten.